Kommentar: Wie öffentlich ist der Stadtraum?

Liebe Kollegin, lieber Kollege!

Kennen Sie den Limbecker Platz in Essen? Das war seit dem 18. Jahrhundert ein wichtiger Stadtplatz, ein öffentlicher Raum im Nordwesten der Essener City, auf dem die Bürger der Stadt Kaiser Wilhelm I einen Triumphbogen errichteten, an dem die Firma Krupp mit dem „Essener Hof“ ein Privathotel errichten ließ, wo mit „Althoff“ das zu seiner Zeit größte deutsche Warenhaus stand. Heute ist der Limbecker Platz verschwunden – in einem Einkaufzentrum.

Warum ich Ihnen davon erzähle? Weil der Limbecker Platz aus meiner Sicht prototypisch die Frage aufwirft, wie wir als Bürgergesellschaft mit öffentlichen Plätzen und Räumen umgehen. Die schleichende Privatisierung des öffentlichen Raumes ist dabei nur eine der Fragestellungen, die wir diskutieren müssen. Eine weitere betrifft die fortschreitende Digitalisierung unseres Lebens. Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die Nutzung und – für uns Planerinnen und Planer – auf die notwendige Gestaltung von Plätzen aus? Wie gehen wir mit dem Bedürfnis der Menschen nach Orten um, die uns eine freie Meinungsäußerung ermöglichen, die zugleich aber sicher sein sollen und entsprechend überwacht werden müssen? Und schließlich: Wie müssen Plätze gestaltet sein, die allen Bevölkerungsgruppen unserer immer bunter werdenden Gesellschaft offenstehen – Einheimischen und Zuwanderern, Jungen und Alten?


Die Landschaftsarchitekten und Stadtplaner in der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen haben sich dieser Fragestellung intensiv angenommen und mit Unterstützung von EINSATEAM – Agentur für Architekturkommunikation aus Berlin sowie Maurer United Architects aus Maastricht die Ausstellung „# AUF DIE PLÄTZE! Stadt braucht Räume“ entwickelt. Ziel dieser Ausstellung, die wir am 5. September im Haus der Architekten in Düsseldorf eröffnen werden, ist es, eine breite Diskussion über die Notwendigkeit und die Gestaltung öffentlicher Räume anzuregen. Wir beschränken uns deshalb mit # AUF DIE PLÄTZE! nicht auf die eigentliche Ausstellung, sondern laden darüber hinaus zu einem umfangreichen, dezentral angelegten Begleitprogramm ein, mit dem wir den Ruf „Auf die Plätze!“ wörtlich nehmen. Wir hoffen, auf diesem Weg mit vielen Kolleginnen und Kollegen, aber auch mit Bürgerinnen und Bürgern vor Ort ins Gespräch zu kommen.

Wie wichtig öffentliche Plätze als Orte der Versammlung und des Austausches sind, zeigen die politischen Ereignisse der letzten Jahre: Ob der Majdan-Platz in Kiew, der Taksim in Istanbul oder der Tahrir-Platz in Kairo – stets spielten sich die politische Willensbildung und der Ausdruck des Protestes auf Stadtplätzen ab, stets bleiben die politischen Vorgänge im kollektiven Gedächtnis mit diesen Orten eng verbunden.

Unsere Ausstellung konzentriert sich aber nicht auf diesen Aspekt allein, sondern formuliert zehn plus eine Handlungsempfehlung, die deutlich machen, wie vielfältig die Anforderungen an die Gestaltung des öffentlichen Raums heute sind. Dazu gehören verkehrstechnische Fragen und Aspekte der Klimafolgenanpassung in gleicher Weise wie der öffentliche Stadtplatz als Erlebnis- und Erholungsraum.

Falls Sie im Sommer in europäischen Städten Urlaub gemacht haben und Bilder traumhafter Plätze aus Barcelona oder Budweis, Siena oder Paris mitgebracht haben, lade ich Sie ein: Blicken Sie auf die erneuerten Plätze und öffentlichen Orte, die wir exemplarisch für Nordrhein-Westfalen für die Ausstellung aufgearbeitet haben. Der Limbecker Platz ist nicht dabei. Aber gleich nebenan stellen wir die Grüne Mitte Essen vor: Ein neues Stadtquartier, das von seiner öffentlichen, grünen Achse lebt und das Einheimische und Gäste in gleicher Weise begeistert.

Es grüßt Sie

Dr. Christian Schramm
Vizepräsident der Architektenkammer NRW

Quelle: Architektenkammer Nordrhein-Westfalen

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