Lieber die Kinder als die Smartphones streicheln

»Wir müssen leider draußen bleiben« steht an immer mehr Kitas. Gemeint sind nicht Hunde, sondern Smartphones. Mit den Gefahren der digitalen Medien für unsere Kleinen befasste sich am Samstag das »Forum Kinderschutz« der Ärztekammer Westfalen-Lippe in Paderborn.

»Die Dosis macht das Gift«, warnte der Präsident der Kammer, Theodor Windhorst. Offenbar ist eine beträchtliche Zahl von Mädchen und Jungen dabei, sich zu vergiften. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln rät Eltern, dass ihre Kinder bis zum Alter von drei Jahren gar keine elek¬tronischen Medien nutzen sollten und danach bis zum Alter von sechs Jahren höchstens eine halbe Stunde am Tag. Die Realität sieht vielfach anders aus. Nach einer Studie des Deutschen Jugendinstituts in München verfügen bereits elf Prozent der Einjährigen, 26 Prozent der Zwei-, 31 Prozent der Drei- und 37 Prozent der Vierjährigen über Erfahrungen mit Apps. Fast jeder vierte Fünfjährige surft regelmäßig im Internet. Neben gesunder Ernährung müsse über einen gesunden Umgang mit Smartphones und Laptops geredet werden, mahnte Rainer Riedel, Facharzt für Nervenheilkunde und Psychotherapie und Direktor des Instituts für Medizinökonomie und Medizinische Versorgungsforschung der Rheinischen Fachhochschule in Köln. Übermäßiger Gebrauch könne zu Sprachentwicklungs- und Konzentrationsstörungen, Übergewicht, Abhängigkeit und Depressionen führen, wenn etwa Facebook-Freunde mit neuen Klamotten prahlen, für die einem selbst das Geld fehlt.

»Wir müssen gerade bei jungen Eltern über deren Vorbildfunktion nachdenken«, mahnte Riedel und empfahl, die Kinder zu streicheln statt Smartphones. Körperliche Zuwendung sei sowohl für das Kind als auch für Vater oder Mutter ein Geschenk. Kinder müssten etwas erst analog erleben, um es als Erfahrung abzuspeichern und Urteilsfähigkeit und soziale Kompetenzen zu erwerben. Wie es sich anfühlt, wenn Sand durch die Finger rinnt, könne das Internet nicht vermitteln, sagte Riedel. Smartphones fesselten in gefährlicher Weise die Konzentration. Auf Spielplätzen sei durch sie die Unfallgefahr gestiegen.

Milena Bücken vom Institut für Soziale Arbeit (ISA) in Münster, das sich mit Medien in der Kita beschäftigt, forderte die Erzieherinnen auf, Medienbildung nicht als einmaliges Projekt, sondern als Aufgabe im Alltag zu begreifen. Sie könnten zum Beispiel Fotorätsel oder Waldausflüge mit Mikrofonen anbieten. Die App zur Raupe Nimmersatt lasse sich mit traditionellen Bilderbüchern verbinden. Kinderwelten seien Medienwelten. Bücken erinnerte an ein Kind, das vor dem Aquarium einer Kita eine Wischbewegung wie auf dem Handy ausführte: »Es wollte den Fisch größer machen.«

In NRW läuft seit März 2017 ein Modellprojekt zur digitalen Bildung, bei dem einige Kitas mit Laptops ausgestattet wurden. Bei der Frage »Wie können Kinder befähigt werden, verantwortungsvoll, selbstbestimmt und kritisch mit digitalen Inhalten umzugehen?« spielten Kitas eine wichtige Rolle, betonte Staatssekretär An¬dreas Bothe. Die digitalen sollten die klassischen Spielangebote aber nicht verdrängen.

Schulkinder vor Leid bewahren will »Gib Cybermobbing keine Chance!« – ein Projekt des Caritasverbandes und der Jugendämter der Stadt und des Kreises Paderborn. Seit 2014 werden Schulen (ab Klasse 4) und Jugendhilfeeinrichtungen aufgeklärt. Kinder lernen, dass sie beim Chatten nicht ihren vollen Namen, die Adresse und Telefonnummer verraten sollten. Werden sie gemobbt, neigten Betroffene dazu, »etwas Fieses« zurückzuschreiben, sagte Maike Dannewald von der Anlaufstelle für Schulen und Eltern: »Aber das triggert die Täter nur weiter an.

Kommentar von Dietmar Kemper: Die Eltern entscheiden. Manche Eltern sind von ihrem Smartphone geradezu besessen. Sie schauen es öfter an als ihre Kinder und schenken ei¬nem Gerät mehr Zuwendung als einem Menschen. Weil Kinder von ihren Eltern lernen und ihr Verhalten nachahmen, drohen auch sie sich in der digitalen Welt zu verlieren – verbunden mit all den Risiken, die bei der Tagung der Ärztekammer in Paderborn genannt wurden. Dort war mehrfach zu hören, dass die Erzieherinnen in den Kitas gefordert seien, für einen gesunden Umgang der Kleinen mit digitalen Medien zu sorgen. Falsch! Die Verantwortung tragen die Eltern, sie können gute oder schlechte Vorbilder sein. Gute Vorbilder sind sie zum Beispiel, wenn sie darauf bestehen, dass die Smartphones bei gemeinsamen Mahlzeiten ausgeschaltet und weggelegt werden. Oder wenn sie ihre Kinder dazu animieren, in einen Sportverein zu gehen, anstatt nur »Fifa 18« an der Playstation zu daddeln. Schlechte Vorbilder sind sie, wenn sie unter den Augen ihres Sohnes oder ihrer Tochter den Nachwuchs in der Kita warten lassen, weil sie angeblich telefonieren müssen.

Quelle: Westfalen Blatt vom 19.03.2018

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